Frauen, Männer, Migräne: Digitale Gesundheitslösungen ermöglichen individuelle Behandlung
- kgsh
- 8. Sept.
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 12. Sept.
[Mitglieder-Bericht 119/2025, Lübeck, Montag, 08.09.2025]

Migräne zählt weltweit zu den häufigsten neurologischen Erkrankungen. Ihre Ursachen sind komplex, die Auslöser individuell, die Reaktionen auf Therapien unterschiedlich. Obwohl Frauen häufiger betroffen sind, wird die Erkrankung bei Männern oftmals sehr spät diagnostiziert. Einfache digitale Gesundheitslösungen eröffnen Wege zur personalisierten Therapie.
Mehr als ein Drittel der Bevölkerung leidet regelmäßig an Kopfschmerzen. Im Gegensatz zu vielen anderen chronischen Erkrankungen sind hiervon oft auch schon Jugendliche und junge Erwachsene betroffen. Der technologische Fortschritt im Bereich Diagnostik und Therapie schafft neue Möglichkeiten. Darüber berichtet ein Forschungsteam im international bekannten Journal Practical Neurology.
Für die Dokumentation des Beschwerdeverlaufs gibt es zum Beispiel digitale Fragebögen oder App-basierte Tagebücher. So können Betroffene ihr persönliches Migränemuster differenziert erfassen. Die Kombination aus einfachen digitalen Anwendungen und Verhaltenstherapie ist der Schlüssel zur aktiven Selbsthilfe.
Marcus Ohlrich, leitender Oberarzt der Klinik für Neurologie der Sana Kliniken Lübeck, erklärt: „Schon einfache digitale Tools können die Versorgungsqualität verbessern und den Zugang zu personalisierter Therapie ermöglichen. Dies ist insbesondere für die jüngeren und technikaffinen Patienten wichtig.“
Versorgungslücke bei Männern
Neue Studien rücken geschlechtsspezifische Aspekte in den Fokus. Frauen sind zwar häufiger von Migräne betroffen, bei Männern wird die Erkrankung jedoch seltener richtig diagnostiziert und behandelt, wie Experten anlässlich der Deutschen Schmerz- und Palliativtage 2025 berichteten.
Das liegt zum einen daran, dass Migräne primär als „Frauenkrankheit“ gilt, was unter Umständen dazu führt, dass bei Männern auftretende Symptome zunächst als andere, schwerwiegende Erkrankungen interpretiert werden, zum Beispiel als Schlaganfall, Hirnhautentzündung oder Gehirntumor.
Zum anderen schließen viele Studien zur Vorbeugung und Therapie der Migräne kaum männliche Probanden ein. In der Folge gibt es zu wenig wissenschaftliche Belege für die Wirksamkeit der verfügbaren Therapieansätze für Männer.
„Anders als zum Beispiel in der Schlaganfallmedizin stehen die Frauen im Fokus der Migräneforschung. Wir brauchen daher Studien, die auch Männer einschließen, um die Versorgungslücke zu schließen und eine personalisierte, geschlechtsspezifische Therapie zu ermöglichen“, so Ohlrich.
Verhaltenstherapie hat hohen Stellenwert
Mit der Bedeutung der Verhaltenstherapie beschäftigte sich ein Forschungsteam aus Spanien und Belgien in einem Fachbeitrag für das European Journal of Neurology. Die Wissenschaftler heben hervor, dass verhaltenstherapeutische Maßnahmen, zum Beispiel zur Stressbewältigung oder Schlafhygiene, in Kombination mit digitalen Anwendungen besonders wirksam sind.
Die Autoren plädieren für einen multimodalen, personalisierten Behandlungsansatz, der sowohl biologische als auch psychosoziale Faktoren berücksichtigt. Das kann Marcus Ohlrich bestätigen: „Je besser wir den individuellen Verlauf unserer Patientinnen und Patienten verstehen, desto zielgerichteter können wir die Therapie planen.“
Neue Medikamente
In den letzten Jahren gab es große Fortschritte in der medikamentösen Behandlung der Migräne. Es wurden neue Medikamentenklassen zugelassen, die vielen Betroffenen helfen können. Insbesondere Patienten, bei denen die bisherigen Therapien keine ausreichende Wirkung gezeigt haben und die weiterhin unter häufigen und schweren Attacken litten, profitieren von den neuen Möglichkeiten.
Heute stehen dafür verschiedene Medikamente zur Verfügung. Manche werden als Injektion in größeren Abständen (zum Beispiel alle ein bis drei Monate) verabreicht. Dabei handelt es sich um sogenannte monoklonale Antikörper. Andere Mittel, Experten sprechen von Rezeptor-Antagonisten, gibt es in Tablettenform, die Betroffene entweder bei akuten Migräneanfällen oder zur Vorbeugung einnehmen können. Bei starker Übelkeit oder Erbrechen in der akuten Migräne-Attacke ist bei einigen Präparaten auch eine Gabe als Nasenspray möglich.
Migräne ist eine sehr individuelle Erkrankung, deshalb gibt es keine Standardlösung für alle. Betroffene und der behandelnde Arzt oder die behandelnde Ärztin können gemeinsam entscheiden, welche Therapie am besten zur persönlichen Lebenssituation, dem Alltag und dem Krankheitsverlauf passt.
Auf dem Weg zu einem maßgeschneiderten Therapiekonzept
Die Forschung ermöglicht ein neues Verständnis der Migräne. Die Medizin entwickelt sich von der symptomatischen Akutversorgung hin zu personalisierter Therapie, die auf die Bedürfnisse des Einzelnen abgestimmt ist. Für Patientinnen und Patienten bedeutet das weniger Schmerzen und mehr Kontrolle über den eigenen Genesungserfolg.
Im September erschien die neue Patientenleitlinie zur Migräne: Neurologische Patienten-Leitlinien | Deutsche Hirnstiftung
Quelle: Pressemitteilung Krankenhaus



