Shared Decision Making (SDM): Bundesweites Aktionsbündnis gegründet
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[Mitglieder-Bericht 030/2026, Kiel/Berlin, Freitag, 20.02.2026]

Gemeinsam besser entscheiden
Das neue „Aktionsbündnis für gemeinsame Entscheidungen im Gesundheitswesen“ will Shared Decision Making (SDM) als festen Standard in der medizinischen Versorgung etablieren. Initiiert und geleitet wird es vom Nationalen Kompetenzzentrum Shared Decision Making am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH), Campus Kiel. Prof. Dr. Friedemann Geiger, Sprecher des Bündnisses und Leiter des Nationalen Kompetenzzentrums Shared Decision Making, fasst die Vision zusammen: „Wir wollen eine Versorgungskultur, in der gemeinsame Entscheidungen selbstverständlich sind. Wenn medizinische Expertise und die Expertise der Patientinnen und Patienten über ihre eigenen Werte, Ziele und Lebensumstände systematisch zusammengeführt werden, entsteht eine bessere, nachhaltigere Gesundheitsversorgung für alle.“
Das Aktionsbündnis wird begleitet von der Kampagne „MiT MiR – Gemeinsam besser entscheiden“. Als erste fachspezifische Aktivität gründete sich zudem der Arbeitskreis Onkologie mit dem Ziel, gemeinsame Entscheidungen bei Krebsbehandlungen gezielt zu stärken.
Im Rahmen des 37. Deutschen Krebskongresses wurde das neue „Aktionsbündnis für gemeinsame Entscheidungen im Gesundheitswesen“ gegründet. Es will Shared Decision Making (SDM) als festen Standard in allen Fachgebieten der medizinischen Versorgung etablieren. Geleitet wird das Bündnis vom Nationalen Kompetenzzentrum Shared Decision Making am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Kiel (UKSH), das zugleich seine langjährige Expertise in Forschung, Implementierung und Qualitätssicherung einbringt.
„Shared Decision Making ist am UKSH konsequent aufgebaut und in die Versorgung überführt worden. Wir freuen uns, dass die hier entwickelte Struktur nun mit dem Aktionsbündnis bundesweit etabliert und weitergetragen werden soll“, sagt Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Jens Scholz, CEO des UKSH.
Parallel beginnt der Arbeitskreis Onkologie, gemeinsame Entscheidungen bei Krebsbehandlungen gezielt zu stärken. Ziel ist es, gerade in besonders sensiblen und folgenreichen Behandlungssituationen eine strukturierte, evidenzbasierte und patientenzentrierte Entscheidungsfindung zu fördern.Begleitend dazu ermutigt die Kampagne „MiT MiR – Gemeinsam besser entscheiden“ Patientinnen und Patienten, aktiv mitzusprechen und Gesundheitsentscheidungen gemeinsam mit dem Behandlungsteam zu treffen.
Das Aktionsbündnis – Vision und Ziele
Vision: SDM ist Standard in Deutschland. Das neue Aktionsbündnis arbeitet daran, gemeinsame Entscheidungsfindung so fest in der Regelversorgung zu verankern, dass sie unabhängig von Region, Einrichtung oder Fachgebiet zum verlässlichen Standard wird. Zu den Kernzielen des Aktionsbündnisses gehören die Stärkung von SDM bei allen relevanten Stakeholdern im Gesundheitswesen, die strukturelle Unterstützung durch sektorübergreifende Finanzierungsmodelle, die Ermöglichung von SDM für alle Patientinnen und Patienten – unabhängig von Vorerfahrung, Alter oder Gesundheitskompetenz – sowie die Etablierung von SDM durch gezielte Aufklärung und Awareness in der Bevölkerung.
Leitung:
Nationales Kompetenzzentrum Shared Decision Making
Prof. Dr. Friedemann Geiger
Unterstützer:
SHARE TO CARE. Patientenzentrierte Versorgung GmbH, Aktionsbündnis Patienten-icherheit e.V., Deutsche Gesellschaft für Patientensicherheit gGmbH
Arbeitskreis Onkologie – Fokus, Partnerorganisationen, Fördermitglieder
Mit dem Start des Arbeitskreises Onkologie wird SDM dort vorangetrieben, wo Beteiligung besonders entscheidend ist: bei Diagnostik- und Therapieentscheidungen sowie der Versorgung in der Krebsmedizin. Gerade bei schwerwiegenden Erkrankungen stehen Patientinnen und Patienten häufig vor Entscheidungen, die medizinisch komplex und persönlich hochrelevant sind. In der Krebstherapie wird SDM mit höherer Therapietreue und besserer Bewältigung von Nebenwirkungen assoziiert; Patientinnen und Patienten stehen bewusster hinter ihren Entscheidungen.
Der Arbeitskreis bündelt Expertise aus Forschung, Versorgung, Pflege und Patientenorganisationen, um SDM in der Onkologie weiter voranzutreiben – in Klinik, Praxis und Nachsorge.
Leitung:
Nationales Kompetenzzentrum Shared Decision Making
Unterstützer:
Deutsche Krebsgesellschaft, Bayerisches Zentrum für Krebsforschung, Vision Zero
Fördermitglieder:
Verschiedene Pharmaunternehmen in der finalen Abstimmung
Awareness-Kampagne: „MiT MiR – Gemeinsam besser entscheiden“
Parallel beginnt eine breit angelegte Awareness-Kampagne: „MiT MiR – Gemeinsam besser entscheiden.“ Die Kommunikation umfasst ein Informationsportal sowie zahlreiche begleitende Maßnahmen, die Gemeinsam besser entscheiden in die Mitte der Gesellschaft tragen. Die Kampagne richtet sich nicht nur an Patientinnen und Patienten, sondern auch an Pflegefachkräfte, Ärztinnen und Ärzte sowie weitere Therapeutinnen und Therapeuten – kurz an alle, die den SDM-Prozess im Versorgungsalltag mitgestalten. Patientinnen und Patienten werden ermutigt, Fragen zu stellen, eigene Bedürfnisse zu äußern und Gesundheitsentscheidungen aktiv mitzugestalten. Die Initiative stärkt zugleich alle Gesundheitsberufe, Betroffene gezielt einzuladen und zu unterstützen, sich bei medizinischen Entscheidungen einzubringen. Dabei soll die Öffentlichkeit sensibilisiert werden, dass aktive, kompetent mitentscheidende Patientinnen und Patienten der wesentliche Faktor für ein gutes, nachhaltiges Gesundheitssystem sind.
Warum Shared Decision Making – und warum jetzt?
Drei von vier Erwachsenen in Deutschland (75,8 %) verstehen Gesundheitsinformationen schlecht: Sie haben erhebliche Schwierigkeiten, Gesundheitsinformationen zu finden, zu verstehen, kritisch zu beurteilen und korrekt anzuwenden.1
Die geringe Gesundheitskompetenz geht einher mit seltener befolgten Behandlungsempfehlungen, häufigeren Notfalleinweisungen und längeren Krankenhausaufenthalten.1
Zwar ist der Wunsch von Patientinnen und Patienten nach Beteiligung am eigenen Gesundheitsmanagement groß (> 80 %). Er wird aber im ärztlichen Gespräch oft nicht eingelöst. In einer deutschen Stichprobe wurde in 86,7 % der untersuchten Gespräche von ärztlichem Personal nicht einmal erwähnt, dass eine medizinische Entscheidung ansteht.2,3
Shared Decision Making verbessert die Versorgungsqualität und entlastet das Gesundheitssystem
Shared Decision Making adressiert genau diese Lücken: Es strukturiert Entscheidungsgespräche, macht Therapieoptionen verständlich und stärkt Patientinnen und Patienten im Entscheidungsprozess. Im Rahmen des Innovationsfondsprojekts MAKING SDM A REALITY wurde SDM mit dem SHARE TO CARE-Programm krankenhausweit am UKSH, Campus Kiel, implementiert.
Mit SDM stieg die Gesundheitskompetenz signifikant an. Gemeinsam konnten Behandelnde und Patientinnen und Patienten in der Folge auch die Patientensicherheit signifikant erhöhen: Die Zahl von Notfalleinweisungen sank um 13% gegenüber dem Bundesdurchschnitt. In der Summe all dieser Faktoren spart SDM gleichzeitig mehr Geld ein als seine Implementierung kostet.4
Das Kieler Modell liefert somit bessere Versorgungsqualität bei geringeren Kosten. Es wird in Kiel seit 2021 über eine selektivvertraglich geregelte Vergütung von SDM durch Krankenkassen erfolgreich fortgeführt. Statt weiterer Selektivverträge als Insellösungen befürworten Krankenkassen im Einklang mit dem Aktionsbündnis für gemeinsame Entscheidungen im Gesundheitswesen, das Kieler Modell kollektivvertraglich in die bundesweite Regelversorgung zu überführen. Die mit SDM einhergehende Stärkung der Mitbestimmung und Selbstwirksamkeit der Patientinnen und Patienten hat gleichzeitig das Potenzial, über den medizinischen Bereich hinaus zu wirken. Sie ist ein willkommener Beitrag zur demokratischen Kultur in Deutschland.
Pressetext: art tempi communications gmbh
Pressekontakt:
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel
Nationales Kompetenzzentrum Shared Decision Making
Prof. Dr. Friedemann Geiger
Tel.: 0431 500-20212,
art tempi communications gmbh
Sabine Reineke
Maria-Hilf-Straße 15, 50677 Köln
Tel.: 0221 / 27 223 59 80, Mobil: 0177 / 880 8108
Quellen:
1 Technische Universität München (TUM) (2025): Gesundheitskompetenz in Deutschland weiter gesunken. https://www.tum.de/aktuelles/alle-meldungen/pressemitteilungen/details/gesundheitskompetenz-in-deutschland-weiter-gesunken
2 Bittner, A., & Schmidt-Kaehler, S. (2021). Gemeinsam entscheiden im Klinikalltag – Ergebnisse von Fokusgruppengesprächen mit jungen Ärzten. Bertelsmann Stiftung. Gütersloh. https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/GrauePublikationen/VV_Studie_Gemeinsam_entscheiden_final_online.pdf
3 Kölker M, Topp J, Elwyn G, Härter M, Scholl I. Psychometric properties of the German version of Observer OPTION5. BMC Health Serv Res. 31. Januar 2018;18(1):74.
4 Innovationsfonds Gemeinsamer Bundesausschuss https://innovationsfonds.g-ba.de/downloads/beschluss-dokumente/374/2023-02-23_MAKING-SDM-A-REALITY_Ergebnisbericht.pdf
Quelle: Pressemitteilung Krankenhaus



