Wie ein Clown Kindern die Narkose erleichtert

[Mitglieder-Bericht 014/2021 - Kiel, Freitag 18.06.2021



Klinik-Clown Harald Roos alias Dr. med. Wurst (Bild: UKSH)
Klinik-Clown Harald Roos alias Dr. med. Wurst (Bild: UKSH)

Woran erinnern sich Kinder, die operiert wurden? Womöglich an Seifenblasen im Warteraum und den Mann, der als einziger im Operationssaal eine rote Nase hatte. Kinder, die montags im Ambulanten Operationszentrum des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH), Campus Kiel, operiert werden, könnten tatsächlich Bilder wie diese davontragen. Denn ein Clown begleitet sie vor und nach dem Eingriff und ist sogar im OP mit dabei. Die jungen Patientinnen und Patienten profitieren von diesem neuen und in Deutschland nahezu einzigartigen Projekt. Wissenschaftliche Untersuchungen weisen darauf hin, dass durch die begleitende Clownerie weniger Narkose-Medikamente gegeben werden müssen.


„Vielen Kindern wird routinemäßig vor dem Eingriff ein Medikament verabreicht, das entspannend und beruhigend wirkt, aber auch bereits Teil der Narkoseeinleitung ist“, sagt Dr. Jonas Baastrup, Facharzt für Kinderchirurgie der Klinik für Allgemeine, Viszeral-, Thorax-, Transplantations- und Kinderchirurgie. „Diese Medikation hat jedoch, wie alle Arzneien, Nebenwirkungen und verlängert außerdem die Aufwachzeit der Kinder.“


Deswegen haben sich die Kieler Kinderchirurgen für einen neuen Ansatz stark gemacht: „Es gibt gute wissenschaftliche Daten, dass die Integration von Clowns in die Vorbereitung einer OP genauso wirksam ist wie die bisher traditionell benutzten Medikamente“, sagt Dr. Baastrup. „Wir finden diesen Ansatz hervorragend, weil dadurch Kinder im OP weniger mit Narkose-Medikamenten belastet werden.“


Seit kurzem nun begrüßt der Klinikclown Dr. med. Wurst (alias Harald Roos) im Wartebereich des Ambulanten Operationszentrums am Campus Kiel montags alle Kinder und Jugendlichen, die von den Kinderchirurgen operiert werden. Die älteren dieser Patientinnen und Patienten erfreut er mit Witzen und Tricks, die jüngeren mit Seifenblasen und Musik oder auch tollpatschiger Ahnungslosigkeit, die dazu führt, dass die Kinder diesem Mann ja wirklich alles erklären müssen. Er ist, zusammen mit einem Elternteil, im Operationssaal bei ihnen, bis die Narkose wirkt. Und steht ihnen dann wieder im Aufwachraum zur Seite, bis sie nach Hause können.


„Es ist eine sehr zielgerichtete Arbeit“, sagt Harald Roos. „Es geht darum, die Kinder abzuholen, zu beruhigen, ihnen die Zeit zu vertreiben. Das, was ich als Clown kann, setzte ich ein, um dem Kind Sicherheit zu geben.“ Die erste Zeit mit den Kindern und Jugendlichen im Wartebereich nutzt er, um Vertrauen aufzubauen und zu erspüren, ob seine Begleitung auch erwünscht ist. Manche der Patientinnen und Patienten kennen den Klinikclown schon durch die Späße, die er auf verschiedenen Stationen treibt, und freuen sich sehr, wenn sie ihn sehen. „Ein Kind bekam zum Abschluss seiner Chemotherapie den Katheter entfernt und mochte sich eigentlich auf keine Behandlung mehr einlassen. Hinterher sagte mir der Vater, wie froh er war, dass ich da war, weil für sein Kind plötzlich alles andere unwichtig war und nur noch die Clownerie im Mittelpunkt stand.“


Für den Aufenthalt im OP hat Harald Roos besondere Clownskleidung anfertigen lassen, die wie die Kleidung des ärztlichen und pflegerischen Personals hygienisch einwandfrei aufbereitet wird. Auch das Arbeitsmaterial, wie zum Beispiel ein übergroßes Stethoskop, ein kleiner Gummihammer und sogar die rote Clownsnase, wird wie alle im OP verwendeten Gegenstände desinfiziert.


„Organisatorisch ist eine Operation mit Clown ein bisschen aufwändiger“, sagt Elisabeth Boike, Fachleitung im Ambulanten OP-Zentrum. „Aber für die Kinder ist es toll. Und die Clownsaktionen helfen auch den Eltern, für die die Situation oft sehr anstrengend und aufregend ist.“


Dr. Baastrup und Harald Roos haben sich für die Clownerie im OP, ein Vorhaben, das sie übereinstimmend als Herzensprojekt bezeichnen, sehr engagiert und es von langer Hand vorbereitet. Inspiriert wurden sie von Kolleginnen und Kollegen im dänischen Aarhus, die seit 15 Jahren routinemäßig Clowns im OP einsetzen. Zuerst wurde eine Clownin nach Kiel eingeladen, danach stattete ein interdisziplinäres Team des UKSH dem Klinikum in Aarhus einen Gegenbesuch ab. Um von weiteren Erfahrungen, die im Ausland gemacht wurden, zu profitieren, reisten die Expertinnen und Experten des UKSH kurz vor Beginn der Pandemie sogar nach Israel und besuchten mehrere Kliniken, in denen ebenfalls Clowns seit Jahren erfolgreich als Teil des OP-Teams arbeiten.


Was sich durch einfühlsame Clownerie erreichen lässt, zeigt sich auch in der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin I, Campus Kiel. Seit beinahe zwei Jahren begleitet hier Dr. med. Wurst Kinder und Jugendliche mit chronischen Gelenkentzündungen bei einer Behandlung, bei der sie eine Injektion in eines oder mehrere Gelenke bekommen. Die Patientinnen und Patienten erhalten davor Medikamente, die Schlaf und Schmerzfreiheit herbeiführen, aber zum Beispiel auch für Übelkeit sorgen können. „Der Clown nimmt den Kindern viel Angst, sie erleben die Behandlung als deutlich angenehmer – und brauchen dadurch weniger starke Medikamente“, sagt PD Dr. Philipp von Bismarck, Oberarzt der Klinik.


„Das Projekt der direkten Begleitung von Kindern durch einen Klinikclown ist nur durch die enge interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen den entsprechenden Bereichen im UKSH zustande gekommen“, sagt Prof. Dr. Robert Bergholz, Leiter der Kinderchirurgie. „Ohne das unermüdliche Engagement des Pflegeteams, der Krankenhaushygiene, der Anästhesie, des OP-Managements und der Kinderkliniken gemeinsam mit unserer Kinderchirurgie wäre dies nicht möglich gewesen.“ Seiner Meinung nach unterstreicht das Projekt den besonderen „Spirit“ im UKSH, Campus Kiel, „mit dem wir alle gemeinsam noch vieles mehr für das Wohlergehen von Kindern erreichen können.“


Die Klinikclowns am UKSH werden ausschließlich durch zweckgebundene Spenden an den UKSH Freunde- und Förderverein finanziert – zu ihrem Angebot gehören regelmäßige Clownsvisiten auf den Stationen wie eben auch die neue Möglichkeit der Begleitung der Kinder im OP am Campus Kiel. „Das Klinikclown-Team macht einen großartigen Job. Die vielfältige und so positive Arbeit der Clowns am UKSH ist aller Ehre und Unterstützung wert“ sagt Pit Horst, Geschäftsführer des UKSH Freunde- und Fördervereins.


Einen Einblick in das Projekt und die Arbeit des Clowns gibt auch ein Film, der unter www.uksh.de/gutestun zu finden ist.


Weitere Informationen über die Kinderchirurgie des UKSH, Campus Kiel: www.uksh.de/chirurgie-kiel .


Für Rückfragen von Journalistinnen und Journalisten steht zur Verfügung:


Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel

Klinik für Allgemeine, Viszeral-, Thorax-, Transplantations- und Kinderchirurgie

Prof. Dr. Robert Bergholz

Kontakt über das Sekretariat

Tel.: 0431 500-20409

E-Mail: info.kinderchirurgie.kiel@uksh.de



Quelle: Pressemitteilung Krankenhaus